Der frühe Vogel kommt heut nicht – Zug entfällt.

Wer schon einmal die Freude oder das Ärgernis hatte mit der Bahn zu fahren, ist sich der Risiken und der Abenteuer, einen Platz zu finden, bewusst. Die Mentalität der Deutschen, einen Sitz als Eigentum zu markieren, sei es in Form von Handtüchern, Rucksäcken, Büchern, Brötchen oder bösen Blicken, geht Hand in Hand mit den Bildern der weißen Socken in Sandalen, Anglerwesten und Sätzen wie „Sieh mal Schatz, hier gibt es auch einen McDonalds.“ Dass die persönliche Distanzzone bei drei Metern Radius komfortabel sein kann, sehe ich ein.

Diese scheint jedoch nicht beim Einstieg in den Zug zu gelten. Hier werden geliebte Freiräume über Bord geworfen und der Kriegszustand bricht aus. Auf die Plätze, fertig,  los –  wer erklimmt zuerst die Stufen zum Waggon und sichert sich den erwünschten Sitzplatz?

„Ne, kein Problem, ich hänge gern mit einem Fuß zwischen Zug und Bahnsteig. Ach, das ist Ihre Hand in meinem Gesicht – wenigstens haben Sie sich heute schon einmal die Hände gewaschen.“

Auch die aussteigenden Leute wollen ein Teil des Geschehens sein und brüllen,  „Eeeey, erst ma‘ aussteigen lassen!“. Klar, ist ja auch logisch – normalerweise –  aber in der Liebe und im Krieg ist schließlich alles erlaubt.

Welche Geschichten sich hinter den morgendlichen Blei-Gesichtern, den Zeitungen und den zwitschernden wahlweise auch klopfenden Smartphones verbergen, bekommt man selten mit. Manchmal lohnt es sich, die Stecker, die getarnt als Kopfhörer die Gehirne mit den neuesten Touchgeräten verbinden, zu ziehen.

Der Mann schnaubte, spurtete in dem ihm schnellst möglichen Tempo den Gang entlang. Der Schweiß sammelte sich in sämtlichen Furchen und Ritzen seines gewaltigen Körpers.

Da der Zug bereits das Maximum an Fahrgästen erreicht hatte, setzte er sich in den letzten freien Platz eines Vierers. Seine groben Bewegungen waren begleitet von Ängstlichkeit und Verunsicherung. Er musterte die Gesichter seiner Sitznachbarn. Den Blick wieder auf seine Tasche gerichtet, kramte er in dieser bis er eine aufgeweichte Brötchentüte in den Händen hielt. Um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, öffnete er die Tüte langsam. Sein Ziel fest vor Augen, keine Knisterlaute von sich zu geben, fischte er ein matschiges Käsebrötchen hervor. Bevor er wusste was geschah, landete eine einsame Tomatenscheibe auf seiner Hose. Sein Bein zuckte ungeschickt und die Tomatenscheibe fiel zu Boden.

Ihm gegenüber saß eine junge Frau, die ihn und das Tomatendilemma aus den Augenwinkeln beobachtete.  Er schien ihre verstohlenen Blicke nicht zu bemerken. So wie er da saß, tat er ihr schrecklich Leid. Sie wusste nicht genau, warum sie das Bedürfnis verspürte, ihn einmal fest zu knuffen und ihm zu versichern, dass am Ende alles gut werden würde. Sie beschloss, dass es das groteske Bild des großen Mannes war, der wie ein Häuflein Elend und gesenktem Kopf in das Brötchen biss. Hinzu kam der schuldbewusste Blick ihres Gegenübers – der dem Ausdruck eines knubbeligen Welpens glich, der gerade erfolgreich ein kleines Kothäuflein auf Herrchens Designerteppich platziert hatte.

Dreihundertsiebzig. Er korrigierte seinen Gedanken. Dreihundertfünfundsechzig. Ohne die Tomatenscheibe waren es fünf Kalorien weniger. Das hieß für ihn – wenn er seinen Plan einhalten wollte – dass ihm noch achthundertfünfunddreißig Kalorien auf seinem Tageskonto blieben.  Seitdem er einen Tag zuvor ein Frauenmagazin überflogen und die magische Zahl von eintausendzweihundert Kalorien und eine Gewichtsabnahme von zehn Kilogramm innerhalb von vier Wochen entdeckt hatte, war er besessen. Besessen von dem Gedanken sein Leben zu ändern.

Die junge Frau überlegte, ob sie ihn ansprechen sollte. Vielleicht einfach nur, um ihm einen schönen Tag zu wünschen oder zu fragen, wer er sei und was er machte. Irgendetwas an ihm weckte ihr Interesse. Als der Zug in einen Tunnel fuhr und sie ihr Gesicht im Fenster beobachtete, verloren sich ihre Gedanken wieder im Chaos des bevorstehenden Tages. Irgendwohin, fernab von dem Mann, der nichts anderes sah, als sich und dreihundertfünfundsechzig Kalorien.

Der große Mann notierte sich die Zahl in einem abgewetzten Notizbuch und schloss die Augen. Wenn all diese Seiten vollgeschrieben und das Zählen sämtlicher Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißangaben nicht mehr nötig wären, würde sein Leben beginnen – mit allem was dazu gehörte, der großen Liebe, einem tollen Job und dem ganz großem Glück. Das einzige was ihn davon trennte, und da war er sich sicher, war sein massiger Körper, der auch an der Sitzlehne nun seine Grenze fand.

Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, erhob sich die junge Frau, schaute ein letztes Mal in das traurige Gesicht des Mannes und stieg aus.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Blog at WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: