Wo Märchen noch Träume haben

Teil 1

Es war einmal und ist noch immer – ein Fleckchen Erde im Irgendwo und stets im Nirgendwo – an dem die Zeit, wer hätte es gedacht, niemals still stand.

Der Wald, der seine Wurzeln in jenes besagte Fleckchen Erde krallte und, der durch diese Beharrlichkeit seine Existenz sicherte, nahm kaum Notiz an seiner treuen Besucherin. An einem durchaus beliebig ausgewähltem Baum lehnte eine junge Frau, die ein umschlagloses Buch fest umklammerte. Ihre Augen waren unerlässlich auf die abgegriffenen Seiten gerichtet. Jeder Satz und jede Zeile wurde gelesen – einmal, zweimal, dreimal.

Sie las all die Worte, die nicht ihre eigenen waren, und die sich dennoch so perfekt in ihr Leben fädelten als wären sie just in diesem Moment ihrer Seele entsprungen.

Die Zitate weiser Herren archivierte sie in einem kleinen geheimen Kästchen tief in der Schatzkammer der innewohnenden und weggesperrten Hoffnung.

Das letzte Tageslicht zog sich zurück und verabschiedete sich in den wohlverdienten Feierabend. An seine Stelle trat nun einnehmende Dunkelheit,  die sich bereits für die Nachtschicht in schwarzen Samt kleidete.  Die junge Frau schien durch den plötzlichen Wechsel erschrocken, legte das Buch in ein Körbchen, wickelte hastig ihr rotes Mäntelchen fester um sich und zog die Kapuze tief ins Gesicht.

Verstecken konnte sie sich dahinter nicht. Jeder kannte das rote Käppchen, welchem sie ihren Namen verdankte. Tag für Tag sah man sie still suchend durch den Wald huschen.  Stets das rote Mäntelchen über das weiße Rüschenkleid gezogen, mit Buch und gefülltem Picknickkorb wandelte sie von Baum zu Baum und träumte. Wovon ihre Träume getrieben wurden, wusste nur sie. Niemals würde sie jemanden erzählen, was sie bewegte, wofür ihr Herz schlug und was ihr die Worte längst verstorbener Autoren gaben.

Einmal hatte sie jemanden ihr Herz anvertraut. Einmal hatte sie jemanden ihre Träume erzählt. Und einmal hatte dieser jemand genau jene gefräßig verschlungen.

Hoch oben in den Baumwipfeln brannte eine Öllampe. Die Quelle des Lichtes war zugleich die Brutstätte eines Feindes, der die zuvor vorherrschende Stille vertrieb. Lautes Gitarrengeschrammel ließ die Erde zittern und Rotkäppchen erschaudern.

Sie wusste, wer mal wieder den Wald mit seiner “Musik” tyrannisierte. Erst gestern hatte sie einen mahnenden Brief an Rapunzel geschrieben. Sie bezweifelte allerdings, dass dieser verkorkste Altrocker den Brief im Delirium überhaupt wahrgenommen hatte. Da half nur eins, sie musste persönlich mit ihm reden.

Mit piepsiger Stimme versuchte sie gegen den Lautstärke-Müllberg anzuschreien: “Rapunzel, Rapunzel. Lass gefälligst dein Haar herunter – und zwar flott.”

Damit hatte sie nicht gerechnet –  ohne Verzögerung raste dem Boden etwas langes Haariges entgegen.

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