Horcht wer kommt von draußen rein, da muss wohl jemand einsam sein.

Im Fernsehen lief einer der zahlreichen Rückblicke auf das Jahr 2013.

Tränen, Freude, Bilder aus fernen und nahen Welten, akzeptable Live-Acts und ein schlechter Moderator – das war’s also, unser 2013.

Mit aufmerksamen Augen folgte ich der gespielten Euphorie über das baldige Ende des alten Jahres.

Als es an der Tür klingelte, schreckte ich unversehens auf. Ich wusste, dass keiner meine Freunde unerwartet vor meiner Tür stehen würde. Unangekündigte Besuche standen auf meiner „Bitte-lass-das-Liste“ ganz oben.

Ich stellte den Fernseher etwas leiser. Erstens um zu vermeiden, dass der ungebetene Gast merkte, dass jemand da war (was natürlich Quatsch war) und zweitens, um etwaige Geräusche von draußen wahrzunehmen. Nichts war zu hören und so stellte ich den Ton wieder auf die Lautstärke, die meine Ohren in diesem Moment verlangten.

Irgendwann vergaß ich den Vorfall und klatschte munter dem nächsten Live-Act entgegen. Als ich den ersten Refrain aus voller Kehle mit grölte, klingelte es erneut. Meine katzige Stimme hatte den Besucher wohl ermuntert – und nein nicht abgeschreckt – noch einmal zu klingeln. Da half wohl nichts, ich warf die Tagesdecke auf den Boden und ging zur Tür.

Ich machte auf und ärgerte mich zugleich. Irgendein Scherzkeks hatte mir einen Schneemann vor die Tür gestellt. Gerade wollte ich die Tür schließen, als eine fremde Stimme rief, „Nein, halt nicht, bitte lass mich ‘rein.“ Das machte mich stutzig und so blickte ich um die Ecke in den Hausflur. Niemand zu sehen. Da sprach abermals die Stimme, „He, tu nicht so als würdest du mich ignorieren.“ Jetzt hatte ich die Faxen dicke und sagte, „Wer spricht denn da, unsichtbare Menschen sind schwer nicht zu ignorieren.“ Die Stimme gab zu bekennen, „Ich bin ja auch kein Mensch, sondern ein Schneemann.“

Ich schaute dem Schneemann in das möhrige Gesicht. Das konnte nicht sein. Wie sollte denn ein Schneemann sprechen können? Nein, nein. Schneemänner konnten nicht sprechen und wollten schon gar nicht herein gelassen werden.

Da sah ich es – sein Mund öffnete sich und pustete mir einen frostigen Luftstoß entgegen. Ungläubig packte ich mir an die Stirn, die dank seines Atems kalt geworden war.

Jetzt starrten wir uns beide in die Augen. Eine Zeit lang sprach niemand – bis der Schneemann raunzte, „So genug geglubscht, lass mich rein, draußen weht eine steife Brise, da ist eine Erkältung vorprogrammiert.“ Er hüpfte auf mich zu, drängte mich zur Seite und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer. Ich schaute noch einmal in den Hausflur. Dort war immer noch keine Menschenseele zu sehen. Ich schloss die Tür und blickte dem Schneemann nach.

Ich musste die Wirklichkeit des Moments überprüfen und schlug mit der Faust gegen die Wand. Der Moment war so wirklich, dass ich vor Schmerzen einen lauten Schrei losließ. Aus dem Wohnzimmer rief der Schneemann, „Bei dieser Sendung, die hier läuft, ist mir auch zum Schreien zumute.“

Ich folgte dem frostigen Besucher ins Wohnzimmer und sah ihn neben dem Weihnachtsbaum stehen. Der Schneemann bemerkte sogleich, „Du wunderst dich, dass ich hier stehe, aber meinen grünen Freund hier, lässt du hinein und schmückst ihn auch noch.“

Meine Starre löste sich allmählich, sodass ich im entgegnen konnte, „Einen sehr stummen Freund hast du, reden kann er nicht, nur hübsch aussehen.“ Eine tiefe Traurigkeit legte sich auf die kohlschwarzen Augen des Schneemanns. Wäre das Szenario nicht schon verrückt genug gewesen, hätte ich es nicht geglaubt: Der Schneemann weinte. Die Tränen bekamen keine Chance der Schwerkraft zu folgen. Auf dem Weg zum Boden gefroren sie auf seinen Wangen.

Auf einmal machten sich Schuldgefühle in meinem Herzen breit. Hatte ich etwas Falsches gesagt?

Der Schneemann schien meine Gedanken lesen zu können und antwortete, „Für die weihnachtliche Stimmung sind wir euch Menschen gut genug, aber sonst schenkt uns niemand Beachtung. Keine Gespräche, keine Aufmerksamkeit, nur Glubschen und Glubschen.“

Nun war meine auf Zweifeln begründete Hemmung ganz dahin. Ich stürmte auf den Schneemann zu und nahm ihn in den Arm. Im Fernsehen quakte eine Schlagersängerin einen weihnachtlichen Song.

In meinen Armen fing sein Körper an zu schmelzen. Ich wollte die Umarmung lösen, doch er bestand auf die Wärme. Als meine Klamotten den letzten Rest des Schneemanns aufgesogen hatten, schloss ich die Augen.

Der Moderator rief, „Allen da draußen vor den Bildschirmen auch ein gesegnetes Fest und rutschen Sie gut ins neue Jahr, möge Ihnen niemand Streusalz in den Weg werfen.“ Das Publikum im Saal brach in Gelächter aus. Ich öffnete die Augen und befand mich wieder unter meiner Tagesdecke.

Ich drehte den Kopf. Doch nichts war zu sehen. Keine Schneemannreste, keine Pfütze. Der Moderator schien mich, trotz seiner grandiosen Gags, in den Schlaf gewitzelt zu haben.

„Irrer Traum“, kam es mir über die Lippen. Ich griff nach der Fernbedienung und machte dem Schwachsinn im Fernsehen ein Ende. In Gedanken an den Schneemann, setzte ich mich neben den Weihnachtsbaum und erzählte ihm die traumhafte Geschichte.

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