Wenn die Stimmung trügt

FullSizeRenderZu jenem Morgen hatte ich den Höhepunkt der Gleichgültigkeit meiner selbst erreicht. Ach, was erzähl ich, mit einem galanten Schritt war ich über den Zenit in die Verlodderung gestürzt. Die löchrige Jogginghose glich einer ausgelagerten Speisekammer. Am Hosenbein, auf Höhe der Knieknehle, klebte noch ein Faden Käse, der Zeuge der vornächtlichen Pizzaorgie gewesen war. Die zwei Nächte alte Mascara hatte um meine Augen einen verräterischen Rorschachtest hinterlassen und hätte jedem Psychologen die hellste Freude bereitet.

Da die Schmacht nach dem blauen Dunst zu groß wurde, schleppte ich den traurigen Sack, der zu vergangenen Zeiten mein Körper gewesen war, zum Zigarettenautomat. Ich schaute auf mein Smartphone und überprüfte die Internetverbindung. Die schien zu funktionieren. Seufzend steckte ich es zurück in die Hosentasche.

Den Blick gesenkt, schlich ich zum Zielobjekt, das seither neben meinem Stammkiosk an die Wand geschraubt war und Lungenkrebs in Päckchen herausschleuderte. Es war ein unerträglich heißer Tag gewesen. Das Deo hatte sich in meine Achselporen verkrümelt. Das einzige was es zurück gelassen hatte, waren die weißen Deo-Ränder auf dem ausgeleiherten Top. Mit der Nase unterm Arm bedankte ich mich für die ungewollte Batik-Optik.

Auf der anderen Straßenseite auf einer Vorgartenmauer saß ein dicker Mann und beobachtete mich. Unweigerlich musste ich an den großen Bauch vom Weihnachtsmann denken. Ich stellte mir vor, was der Weihnachtsmann jetzt im Sommer wohl so trieb. Weihnachten war noch weit entfernt und sicher in Kisten und Müllsäcken im Keller verstaut.

In meiner Vorstellung ließ ich den alten weißbärtigen Mann vor Einsamkeit und Langeweile zergehen. Nicht, weil der Weihnachtsmann mir jemals etwas getan hätte – nein, ich wünschte, während ich mir eine Zigarette in den Mund schob, jedem Lebewesen derzeit das größtmögliche Gefühl der Unleidlichkeit. Der Weihnachtsmann würde jetzt sicherlich irgendwo in einer Einzimmerwohnung auf dem Sofa hängen und durch’s TV-Programm zappen. Um ihm herum stapelten sich ein Haufen meckernder Rentiere – vorneweg natürlich Rudolph, der dank seiner roten Nase seine Alkoholsucht nicht verbergen konnte und blökend an der Whisky-Flasche nuckelte. Das Geschirr versammelte sich in der kleinen Pantry-Küche im Flur. Auf dem wackeligen Wohnzimmertisch stünde ein schimmliger Christstollen.

Mit einer erinnernden Gänsehaut fragte ich mich, ob Schimmel auf Christstollen überhaupt auffiele? Dieser Bröckchenkuchen war für mich schon immer ein Greuel.

Irgendwie gefiel mir diese Vorstellung und ich beschloss, dass der Weihnachtsmann und ich uns ähnelten. Ich sollte ihm einen Besuch abstatten. Mich überkam ein Gefühl der Geselligkeit und so setzte ich mich neben den dicken Mann auf die Mauer. Ich sagte, “Tach.”, daraufhin sagte er, “Tach!”. Das Gespräch war beendet.

In meiner Hosentasche vibrierte das Smartphone. Ich ging dran. Meine Stimmung spielte mir einen Streich und lächelnd säuselte ich: “Ach hallo Schatz, ja mein Wochenende war gut, ich liebe dich.”

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